Ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheint. Mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens. Selbst große Handlungen zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenkt nur, daß seit sechs Jahren ein heilloser Zustand mich befallen durch unvernünftige Ärzte verschlimmert. Von Jahr zu Jahr in der Hoffnung, gebessert zu werden, betrogen..., mußte ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen. Wollte ich euch zuweilen mich einmal über alles das hinaussetzen, o wie hart wurde ich durch die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehörs dann zurückgestoßen, und doch war mir unmöglich den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreit, denn ich bin taub. –Solche Ereignisse brachten mich nahe zu Verzweiflung: es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben. – Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück. Ach, es schien mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende Leben. – Geduld – so heißt es, sie muß ich nun zur Führerin wählen: ich habe es. – Schon in meinem 28. Jahre gezwungen, Philosoph zu werden, es ist nicht leicht, für den Künstler schwerer als für irgend jemand.O Menschen, wenn ihr einst dieses lest, so denkt, daß ihr mir unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen seinesgleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch noch alles getan, was in seinem Vermögen stand, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden. Lebt wohl und vergeßt mich nicht ganz im Tode.Ludwig van Beethoven, Heiligenstadt, am 6. Oktober 1802
O ihr Menschen,
die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir!






